Das Pferd bestimmt das Tempo

Die häufigste Frage rund um den Wechsel in einen Aktivstall ist und bleibt „Wie lange dauert die Integration?“ Die eindeutige Antwort: „Es kommt darauf an.“

Es gibt Pferde, die kennen das Prinzip Aktivstall. Da geht’s vermutlich schneller, sofern die Herden-Chemie passt.

Und dann gibt es uns: Ein unsicheres Pferd, das aus Boxenhaltung mit stundenweisem Weidegang mit einem Weidepartner-Pferd kommt.

Erm….

Ist nicht so, als hätten wir nicht schon vor einigen Jahren das bisherige Haltungsform-Konzept hinterfragt. Die kleinen Feldversuche, die wir unternahmen, deuteten jedoch eher darauf hin, dass Herr Pferd sich irgendwann auf der Wiese langweilt und dann auch genug von pferdischer Gesellschaft hat. Außerdem war er selbst an der Tränke und am Grasbüschel nicht der Durchsetzungsstärkste…

Wieso steht er dann jetzt im Aktivstall?

Berechtigte Frage.

Zwischenzeitlich ist allerhand passiert. Beispielsweise ist Herr Pferd seit diesen Feldversuchen einmal umgezogen und stand statt mit lieben Wallachen mit einer Stute auf der Weide. Die Weide war auch größer. Das fand er dann auf einmal alles ganz toll. Und irgendwann kam dann Mitte 2025 eine Arthroskopie, weswegen er ganz lange nichts anderes hatte als Weide. Wenn Weidegang bspw. wegen richtig fiesem Wetter im Spätherbst und Winter dann mal mehrere Tage nicht möglich war, wurde neuerdings mit Kolik quittiert.

Dann war da noch die Sache mit dem Auge. Das war bereits Februar 2024, als wir wegen eines nicht abklingenden Schubs IMMK entscheiden mussten, das rechte Auge zu entfernen. Wir nahmen an, dass das Herrn Pferd stark verunsichern würde und er aus Sicherheitsgründen nicht mehr reitbar wäre, weil er vor allem wegspringt. Er überraschte uns: Das Gegenteil war der Fall. Tatsächlich war er entspannter als vorher. Wir können nur vermuten… Wir vermuten, das das Auge schmerzte und Migräne-ähnliche Beschwerden verursachte; dass er nur schemenhaft sah, obwohl wir das hatten abklären lassen und das Ergebnis „normale Sehfähigkeit“ war. Soweit man das eben von außen anhand von Spiegel, Lampe und Ultraschall einschätzen kann. Die untersuchende Tierärztin war wirklich gründlich gewesen!
Nachdem das Auge also entfernt worden war, meinte die Chirurgin „Wenn die Fäden in 10 Tagen dann gezogen sind, können Sie sich wieder draufsetzen.“ Wir hatten da wenig Glauben…aber nach 14 Tagen ging es. Ganz einfach. Er war wirklich lieb, aber ohne das zweite Auge musste er es neu lernen, das Reitergewicht auszubalancieren. Das dauerte ca. 6 Wochen. Vor allem Leichttraben war ihm unangenehm. Aber es ging stetig besser. Auch Ausritte, Reiterrallye und sogar kleine Sprünge gingen.

Und so wurde das Thema Haltungsform doch immer mal wieder vor- und zurückgedacht. Am Ende war aber immer die Erkenntnis: Wir wissen es nicht. Keine Ahnung, was er dazu sagen würde. Wir müssen es probieren und herausfinden, ob er uns wieder einmal überrascht und das am Ende doch gut findet….oder ob er doch eine Box braucht (wenigstens zum Schlafen).

Nun gut, er stand dann also mit Madame P. in der Integrationsbox: Von da kann er die Herde kennenlernen – die hat nebendran nämlich die Liegehalle – und die Herde kann die neuen kennenlernen. Weidegang gab es zunächst auch für einige Tage nur mit Madame P. auf einer Weide direkt neben der Herde.

Im nächsten Schritt gingen die beiden dann mit auf die große Wiese. Auch noch alles fein soweit.

Und dann kam die Vertreibung aus dem Paradies. Der Charme der Integrationsbox war definitv weicher Boden zum Liegen, eigene Heukiste mit reichlich Rauhfutter und eine Sicherheitsbarriere zur Herde.

Ab sofort also tagsüber Herde, Herde, Herde. Nachts wurde und wird noch getrennt geschlafen.

Pferde, die später dazu kamen, sind dagegen schon vollintegriert: Aufstehen mit der Herde, Rausgehen mit der Herde, Weide mit der Herde, Reingehen mit der Herde, Schlafen bei der Herde. Das hat von Einzug bis fertig integriert zwei Wochen gedauert.

Und dann gibt es Herrn Pferd und Madame P.: Rausgehen mit der Herde, Weide mit der Herde, Reingehen mit der Herde, dann noch was mit denen abhängen – alles ok. Aber so nach 9 bis 10 Stunden möchten die beiden dann doch in ihr Separée-für-die-Nacht mit Heukiste und Abtrennung zu den anderen.

Wir sind aktuell in Woche 12 und noch nicht fertig integriert. Wird auch noch was dauern. Aber zum Glück bekommen die beiden alle Zeit der Welt.

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